Wir waren gestern zu Besuch bei meinen Eltern. Wie jedes
zweite Wochenende.
Es war so schön. Wir haben gut gegessen. Spaß gehabt.
Meine Eltern sind so süß. Sie lieben mich so sehr und
betuddeln mich ständig. Aber auf eine liebe Art.
Ich war nicht der vorbildlichste Teenager. Wer ist
das schon.
Seid ich von zu Hause ausgezogen war, mit 19, hab ich mich
mit meinen Eltern immer besser verstanden.
Letztes Jahr habe ich sie ja dann arg geschockt. Es war schlimm.
Aber als dann alles wieder gerichtet war, war es noch inniger
zwischen ihnen und mir.
Und ich merke ständig, wie sie mich vermissen.
Ich wohne jetzt über 70 Kilometer weit weg.
Genau 1 Stunde mit dem Auto über die Autobahn.
Früher war es ein Fußweg von keinen 5 Minuten.
Ich besuche sie alle 2 Wochen.
Früher war es jede Woche 1 bis 2 Mal.
Gestern gingen wir dann alle zusammen spazieren durch
unseren Ort; meinen Heimatort.
Meine Eltern zeigten mir jedes Mal wo eine Wohnung
frei ist; welches Haus zum Verkauf steht und wie schön
man sich es doch hier ausbauen könnte usw.....
Sie hätten mich gern wieder in ihrer Nähe;
zurück in unserem Örtchen.
Und ich bin hin und her gerissen.
Gut, momentan muss ich mir noch nicht wirklich Gedanken
machen. Wir bleiben erst einmal in Potsdam solange wir
zu zweit sind. :-)
Aber wo möchte ich mich später nieder lassen?
Wo möchte ich meine Kinder aufziehen?
Wo möchte ich mein Haus bauen?
Mein Heimatort ist wunderschön. Als mein Schatz das erste
Mal dort war, verglich er es mit "Pleasantville" .
Schöne Häuser, viel Natur, viel Wasser.
Ich kenne dort jeden Weg und jeden Strauch.
Ich hatte eine schöne Kindheit dort.
Es ist toll für Kinder dort aufzuwachsen.
Ruhig, ungefährlich...
Es wäre schön wenn ich meinen Kinder erzählen
kann, dass ich als ich so alt war wie sie, auf der selben
Straße Fahrrad fahren gelernt habe, vom selben Baum
Kastanien gesammelt und auf der selben Wiese Drachen habe
steigen lassen.
Und die Nähe zu meiner Familie ist natürlich schön und mit
Kindern auch praktisch ;-)
Aber dann ist da natürlich auch eine Vergangenheit, mehr
als eine Dekade lang, der ich nicht wieder begegnen
wollte, auch wenn sie im Grunde schön war.
Als wir gestern dort spazieren gingen, obwohl es schon
dunkel war, fühlte ich mich unwohl. Ich wollte von den
belebten Straßen fern bleiben, nicht am Supermarkt vorbei,
nicht so viel im Laternenlicht stehen....
Es könnte ja jemand vorbeikommen den ich kenne...
Albern, ich weiß. Aber jedes Mal wenn ich in meinen
Heimatort fahre, auf dem Weg durch die Straßen, habe
ich ein furchtbar beklemmendes Gefühl. Ich möchte
am liebsten eine Mütze und eine riesige Sonnenbrille
tragen damit mich niemand sieht.
Alle Menschen die ich dort kenne haben eine Verbindung
zum ehemaligen Liebsten. So vielen Menschen davon
möchte ich auf keinen Fall mehr über den Weg laufen.
Am wenigsten natürlich ihm selbst.
In so einem kleinen Ort ist die Wahrscheinlichkeit
aber sehr groß dass man sich im Supermarkt oder
auf der Straße trifft.
Im Moment könnte ich das nicht.
Und ich befürchte, selbst in 2-3 Jahren ist es noch nicht
besser. Das zeigt mir die Entwicklung in diesem
vergangenen einen Jahr. (es geht ihm furchtbar...)
Möchte ich in einem Ort leben wo ich ständig
"in Angst" leben würde? Wo ich ständig unter
Spannung stehen würde wenn ich raus gehe?
Dazu kommt, dass unser Örtchen schon noch etwas
hinterm Mond lebt.
Ernährung, Medizin, Erziehung.... da ist die Welt zu
DDR-Zeiten stehen geblieben.
Ganz zu schweigen von den Einkaufs- und Ausgehmöglich-
keiten die ich hier in Potsdam zu schätzen gelernt habe.
Potsdam.
Eine wunderschöne Stadt.
Kinderfreundlich, modern aber auch gemütlich usw.
Ich fühle mich wohl hier.
Aber: meine Kinder in einer Stadt aufwachsen lassen?
Aber gut, man könnte vielleicht am Stadtrand oder in
einem Ort davor etwas finden.
Aber dann kommt doch wieder der Gedanke: ich werde nie
mehr in K. (meinem Heimatort) wohnen? Ich kann nie mehr
einfach zu Fuß zu meinen Eltern laufen?
Meine Kinder werden nicht da aufwachsen wo ich es tat?
Das sind Gedanken die mir zu dem Thema durch den Kopf
schwirren.
Mein Schatz nimmt es, wie immer, locker und sagt:
"Schaun wir mal wie alles kommt"
Wie gesagt, momentan ist da auch keine Entscheidung fällig.
So lang wir zu zweit sind und selbst wenn wir ein Kind haben,
werden wir bis das Kind so 1-2 Jahre alt ist hier in Potsdam
in unserer Wohnung bleiben. Das dauert also noch eine
Weile. Und bis dahin kann so viel passieren.
Vielleicht ergibt sich eine supertolle Möglichkeit die
perfekt für uns ist? Mit der alle glücklich leben können.
Schaun wir mal!
*
3 Kommentare:
Möchte ich in einem Ort leben wo ich ständig "in Angst" leben würde? Wo ich ständig unter Spannung stehen würde wenn ich raus gehe?
Du hast dir doch die Antwort schon gegeben. So schön es vielleicht auch in der Nähe der Eltern wäre, aber dein Satz spricht mehr als 100 Bände. Da würde ein "mal schauen" nur negativ verlaufen. So lange du diese Vergangenheit (was immer es war - geht mich auch nichts an) nicht völlig verarbeitet hast, ist jeder Schritt in das Heimat"dorf" ein Stück Seelentod und auf Dauer würde mit sicherheit die jetzige Beziehung drunter leiden.
Ich finde auch, dass Du Dir die Antwort schon gegeben hast! Nämlich in Deiner Überschrift!!!!
Auch wenn ich Deine Gedanken verstehe...
Ich würde es sehen wie der Schatz: Lasst alles auf Euch zukommen und ihr werdet sicher alles richtig machen!
Lass Dich drücken!
Danke Euch beiden.
Ja momentan könnte ich auf keinen Fall dort wohnen, will ich auch nicht, muss ich auch nicht.
Nur fänd ich es irgendwie blöd mir meine Heimatstadt "madig machen zu lassen" "nur" wegen Feigheit, weil ich keine Lust hab alte Wunden aufzureißen beim Gang zum Supermarkt.
Es ist halt so, bin ich draußen auf den Straßen, fühle ich mich mehr als unwohl, bin ich bei meinen Eltern fühle ich mich wohl, hab dieses "zu Hause-Gefühl" und will ihnen wieder nah sein, will dass meine Kinder ihnen einmal nah sein werden.
Aber gut, keine Gedanken machen über ungelegte Eier. Wenn es soweit ist muss ich wohl entscheiden inwieweit ich in der Lage bin wieder dort zu leben, oder ob ich es eh nicht mehr will.
Vielleicht bietet sich ja eine Gelegenheit sich auf halber Strecke zu treffen.... :-)
Kommt alles wie es kommen soll.
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